Alle Tourprofis hatten früher auch ein sehr gutes Handicap!

Ein Gastbeitrag von Dr. Dominikus Schmidt – Geschäftsführer vom Hamburger Golf-Verband

Ja, das stimmt, viele hatten ein gutes Handicap und viele haben auch Titel gesammelt. Es gibt auch manche, die mit 15 noch gar kein Golf gespielt haben. Es gibt viele verschiedene Wege nach oben. Aus unserer Sicht geht es beim Thema Handicap vor allem aber darum, wie und wann dieses Handicap entstanden ist. Viele unterliegen hier einem ähnlichen Irrglauben wie dem, dass ein schöner Schwung auch einen guten Golfer macht. Dass dem nicht so ist, kann man auf den Touren dieser Welt täglich beobachten. Genauso verhält es sich aber auch mit dem Handicap. Ein gutes Handicap garantiert keinen Erfolg.

Es gibt nämlich zwei Wege, zu einem guten Handicap zu kommen. Auf dem ersten Weg sind Handicap und Ergebnisse ein klarer Leistungsfaktor an dem sich der Spieler selber misst, aber auch extern durch Eltern und Trainer gemessen wird. Mit diesem Fokus, das Handicap zu verringern, werden ausschließlich Maßnahmen ergriffen, die zu einer Handicapsenkung beitragen, da diese den schnellen Erfolg bringen. Diese Maßnahmen sind also darauf ausgelegt, keine Fehler auf dem Platz zu machen, um am Ende einen guten Score zu erzielen und vermutlich Eltern und Trainer zu befriedigen. Dieser Weg ist aus unserer Sicht eine Entwicklungssackgasse, da keine neuen Kompetenzen und Fähigkeiten erworben, sondern nur Fehlervermeidungsstrategien optimiert werden. Die Folge ist, der Spieler verbessert sein Handicap, wird aber nicht kompetenter in seiner Spielfähigkeit. Irgendwann stellen wir dann fest, dass unsere deutschen Spieler zwar ein super Handicap haben, weil sie keine Fehler mehr machen, andere Spieler jedoch in der gleichen Zeit mehr gelernt haben und deshalb am Ende kompetenter und erfolgreicher sind. Diese Spieler haben dann auch ein super Handicap bekommen, aber auf einem ganz anderen Weg.

Auf dem diesem zweiten Weg sind Handicap und Ergebnis nicht im Fokus. Es wird an den Kompetenzen gearbeitet, die den Spieler signifikant spielfähiger machen. Diese Entwicklung ist eine spannende Entdeckungsreise, wird durch den Trainer begleitet und mit günstigen Maßnahmen angestoßen. Am Ende dieser Entwicklung steht ein selbstständiger und spielfähiger Athlet, der irgendwann dabei auch ein gutes Handicap bekommen und evtl. auch Titel auf diesem Weg eingesammelt hat. Dadurch, dass Handicap und Score also nicht im Fokus stehen, geben wir den Athleten den Freiraum, um Fehler zu machen, neues zu lernen, das neu Gelernte im Wettkampf ausprobieren zu dürfen und sich weiterzuentwickeln. Das beste Beispiel dafür, wie filigrane Technik, Spielwitz und gleichzeitig Durchsetzungsvermögen entstehen, ist der Brasilianische Straßenfußball: „Straßenfußball gibt dir Reflexe, kreative Freiheit, lehrt dich zu improvisieren, Lücken zu schaffen, dich zwischen Spielern zu positionieren und Tore zu machen.“ Schreibt Zico, der wie viele der besten brasilianischen Fußballer auf der Straße ausgebildet wurde. Wir müssen also dafür sorgen, dass wir in unserem relevanten Altersbereich (bis plus/minus 16 Jahre) genau eine solche Lernumgebung schaffen. Handicap, Score und Titel in der Jugend sind also positive Abfallprodukte einer gut geplanten Entwicklung, aber nicht Indikatoren für eine gute Entwicklung in einer bestimmten Phase und dürfen keinesfalls in den Fokus des Athleten geraten.

Solange man nicht weiß, in welcher Phase, der Spieler sich individuell mit welchen Dingen beschäftigt oder von welchem Stand er kommt, sind Faktoren wie Handicap oder Score kein Mittel der Wahl, mit dem gemessen werden kann, wieviel ein Spieler kann oder nicht. Entwicklung verläuft in Schüben und wird, wenn sie planmäßig verfolgt wird, zwangsläufig am Ende gute Ergebnisse liefern. Wir dürfen diese Ergebnisse aber nicht nehmen, um Verläufe von Athleten zu vergleichen.

Wir in der HGU vergleichen Ist und Soll von jedem Athleten individuell, um diese gezielt in relevanten Bereichen kompetenter zu machen. Wir vergleichen aber nicht Athleten untereinander, um Druck auf deren Entwicklung auszuüben oder uns selber unter Druck zu setzen. Dies macht aus unserer Sicht wenig Sinn, weil Entwicklungsverläufe in unserer Sportart nicht stringent verlaufen.

Golf ist ein Aufgabenspiel und wir müssen unseren Athleten vermitteln, dass sie im Wettkampf Aufgaben lösen müssen. Wir nennen das Aufgabenmodus. Athleten, die im Aufgabenmodus spielen und in der Lage sind, viele Aufgaben zu lösen, werden am Ende zwangläufig gute Ergebnisse erzielen, ohne den Fokus direkt darauf gehabt zu haben. Ähnlich, wie es die Spielsportler machen. Lionell Messi löst eine andere Aufgabe nach der anderen und am Ende ist der Ball im Netz. Würde er sich schon an der Mittellinie darauf fokussieren, wie der Ball am Ende im Tor liegt, könnte er die Situationen nacheinander nicht lösen, dies nennen wir Ergebnismodus. Spieler, die im Ergebnismodus spielen, sind in einer Sackgasse bzw. in einem Teufelskreis, in dem immer wieder an der Bewegung rumgeschraubt wird, weil der Score am Ende nicht gestimmt hat. Trainer, die ihre Athleten dauerhaft in diesem Technikerwerbstrainingsmodus künstlich Abhängig halten, müssen wir eine andere Welt mit anderen Optionen eröffnen. Das ist es, was wir in den nächsten Jahren machen werden…

 

Zur Person:

Dominikus Silvester Schmidt studierte an der Eberhard-Karls-schmidtUniversität in Tübingen Sportwissenschaft. Nach Abschluss der Studienzeit wechselte er in die Hansestadt Hamburg und begann dort 2005 seine Dissertation. Neben anderen Sportarten zog ihn der Golfsport in seinen Bann. Nicht umsonst setzte er sich sowohl in seiner Diplomarbeit als auch in seiner Dissertation mit Themen aus dem Golfsport wissenschaftlich auseinander. Heute lebt er in Hamburg und hat als Geschäftsführer des Hamburger Golf Verbandes e.V. seine Leidenschaft für den Sport zu seinem Beruf gemacht.

 

 

 

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