Warum die Ziele von Golf-Eltern keine Rolle spielen!

Warum die Ziele von Sporteltern keine Rolle spielen. Ein Gastbeitrag von Martin Feigenwinter

Ein Gastbeitrag von Martin Feigenwinter

Du hast grosse Ziele mit deinem Kind.

Schon früh hat sich gezeigt, dass dein Kind ein ausserordentliches Golftalent ist und gefördert werden muss.

Seine Karriere hast du generalstabsmässig geplant und der Weg ist schon vorgezeichnet.

Dafür scheust du keinen Aufwand.

Du fährst dein Kind regelmässig auf den Golfplatz, holst es von der Schule ab und und bist immer da, kochst zu jeder möglichen und unmöglichen Zeit und du bist immer da, wenn es dich braucht.

In deinen kühnsten Träumen hast du dir schon ausgemalt, wie es bei den US Open nach dem letzten Schlag die Arme in die Höhe reisst und den Sieg in vollen Zügen auskostet …

… und du stolz wie Oskar daneben stehst.

Am meisten Mühe macht dir der Umstand, dass dein Kind nicht mit der gleichen Motivation und dem gleichen Engagement auf dem Platz steht, wie du es an den Tag legst. Für dich fehlt auch die Dankbarkeit und die Anerkennung für dein Engagement.

Du hast dein Kind auch schon mit dieser Aussage konfrontiert?

„Ich investiere so viel in deine Karriere, da darf ich auch erwarten, dass du dich ins Zeug legst und dankbar bist.“

Ich habe so etwas schon mehr als einmal auf und neben Sportplätzen gehört. Und weisst du was?

Es spielt keine Rolle, was du denkst, was deine Ziele und deine Erwartungen sind. Denn es geht nicht um dich!

Das mag jetzt hart klingen, doch es ist die Realität.

Enttäuschte Elternträume

Du möchtest schliesslich nur das Beste für dein Kind!

Sei mal ehrlich. Geht es um dein Kind oder um dich?

Siehst du die Möglichkeit, verpasste Träume mit deinem Kind zu verwirklichen? Oder stellst du diese Tendenz in deinem Umfeld fest?

Mit dem stellvertretenden Erleben (und dadurch Forcieren) von Erfolg kannst du dein Kind in den Abgrund treiben.

Dabei sind Mädchen eher gefährdet als Jungs. Weil Jungs ehrgeiziger sind und sich gerne mit anderen messen, beugen sie sich weniger Druck und Zielen von aussen als Mädchen.

Überehrgeizige Eltern triffst du natürlich nicht nur im (Golf-)Sport.  Schliesslich muss heute jeder ein Star sein. Schon beim ersten Schritt oder beim ersten getroffenen Ton wird das Potenzial für den zukünftigen Olympiasieger oder Stargeiger erkannt.

Dann wird das Kind zu einem Investitionsobjekt!

In welchem Stadium bist du?

Stadium 1: Alles opfern

Fällt es dir schwer, deine eigenen Wünsche und Ziele von denen deines Kindes zu unterscheiden?

Deinem Kind soll es an nichts fehlen, damit es den Weg an die Spitze schafft. Dafür stellst du deine Bedürfnisse in den Hintergrund. Schliesslich braucht dein Kind ein optimales Umfeld und perfekte Bedingungen. Dafür investierst du alles, was du hast.

Du wärst sogar bereit, einen zusätzlichen Job anzunehmen, wenn es die Situation erfordert.

Natürlich erwartest du von deinem Kind, dass es sich dankbar zeigt und einen deinem Opfer angepassten Einsatz an den Tag legt.

Wenn dein Kind in deiner Schuld steht und sich verpflichtet fühlt, dann kann das einen unglaublichen Druck auslösen.

Stadium 2: Dein Kind wird zum Objekt

Du bist nicht mehr in der Lage, deine eigenen Wünsche und Ziele von den Bedürfnissen deines Kindes zu unterscheiden. Dein Kind muss Leistung bringen. Idealerweise auf Knopfdruck. Du hast schliesslich viel in dein Produkt und deine Leistungsmaschine investiert.

Du definierst dein Kind darüber, wie gut es etwas kann, und nimmst auch Verletzungen in Kauf, Hauptsache das Produkt entwickelt sich gut.

Damit erhöhst du den Druck auf dein Kind. Damit treibst du es in die Isolation. Es verliert den Selbstzugang und weiss selber nicht mehr, was es will. Seine Bedürfnisse sind nicht mehr relevant.

Stadium 3: Der Missbrauch

Die Fähigkeit, deine eigenen „Erfolgswünsche“ für dein Kind von den Zielen und Bedürfnissen deines Kindes zu unterscheiden, hast du nun komplett verloren.

Dein Kind ist nur noch ein Produkt, das du für deine Ziele instrumentalisierst. Leistung um jeden Preis. Als Person existiert dein Kind schon lange nicht mehr. Hauptsache es bringt die Leistung und die Kasse (Sponsoren) stimmt.

Dass du dabei langfristige körperliche und seelische Schäden bei deinem Kind riskierst, ist dir egal. Jetzt gibt es nur noch eins: „Erfolg ohne Rücksicht auf Verluste“.

In diesem Stadium kommt es auch zu verbalen Erniedrigungen, psychischer Druck und sogar sexueller Missbrauch sind möglich. Oft geht dieser Missbrauch auch von Mentoren, Coaches oder Sponsoren aus.

Dein Kind hat den Selbstzugang komplett verloren. Seine Bedürfnisse nimmt es nicht mehr wahr. Es funktioniert nur noch.

Möchtest du es so weit kommen lassen?

Auf der Seite deines Kindes

Es ist deine Verantwortung, deinem Kind eine Kindheit zu geben.

Die eigene Entwicklung ist dabei wichtiger als der schnelle Erfolg. Was du gerne mit deinem Kind erreichen willst, hat keine Relevanz.

Ein Kind als Supertalent zu deklarieren macht wenig Sinn. Das kann unnötig Druck ausüben und zu Frustration führen, weil es die eigenen Erwartungen nicht erfüllen kann.

Du kannst dein Kind auch nicht vor der Realität schützen. Es wird immer Golfer/innen geben, die besser sind als dein Kind. Doch du kannst deinem Kind ein gutes Selbstwertgefühl vermitteln und es entsprechend seinem Niveau fördern und wertschätzen.

Denk daran: Kinder und Jugendliche entwickeln sich in ihrem eigenen Tempo! Vergleiche im Jugendalter sind oft nur bedingt aussagekräftig.

So gelingt es:

  • Differenziere zwischen deinen Zielen und denen deines Kindes.
  • Nimm die Bedürfnisse und Ziele deines Kindes wahr – diese stehen an erster Stelle.
  • Zeige Interesse für das, was dein Kind tut – egal ob es deinen Vorstellungen entspricht oder nicht.
  • Übernimm Verantwortung für Entscheidungen, welche die körperliche und seelische Gesundheit deines Kindes beeinträchtigen können.
  • Ermutige dein Kind, alters- und entwicklungsgerechte Ziele zu setzen.
  • Unterstütze es bei Entscheidungen – selbst wenn du anders entscheiden würdest.
  • Lege den Fokus auf die (sportliche) Entwicklung – nicht nur der erste Rang zählt.
  • Investiere in die persönliche Beziehung zu deinem Kind – Liebe ist nie leistungsabhängig!

Fazit

Deine Ziele haben keine Bedeutung, wenn du sie stellvertretend durch dein Kind leben willst.

Auch wenn du es nur gut meinst, ist das ein absolutes No-go.

Natürlich darfst du stolz auf die Leistung deines Kindes sein. Unterstütze es, fördere es und schaffe Rahmenbedingungen, in denen Top-Leistungen möglich sind. Ob es den Weg zu Ende geht, entscheidet dein Kind selbst. Unabhängig davon, was du investiert hast.

Dein Kind freut sich, wenn du es unterstützt, anfeuerst und mitfieberst.

Stell dir immer wieder die Frage: „Sind das meine Ziele oder die Ziele meines Kindes?“ Wenn es um deine Kind geht, sind nur seine Ziele von Bedeutung!

Kinder sollten sich in Ruhe entwickeln können und auch andere Sportarten ausprobieren, die ihnen Spass machen.

Wenn dein Kind bei sich aussergewöhnliche Fähigkeiten entdeckt, wird es selber den Wunsch entwickeln, eine erfolgreiche Sportlerin (in welcher Sportart auch immer) zu werden.

Dein Kind weiss, was ihm gut tut und was nicht. Es kann selbständig Entscheidungen treffen.

„Man darf niemandem seine Verantwortung abnehmen, aber man soll jedem helfen, seine Verantwortung zu tragen.“ – Heinrich Wolfgang Seidel

Wenn dein Kind mit Spass Golf spielt, dann kommt der Hunger nach mehr von alleine.

Wann hast du dein Kind das letzte Mal mit Spass und Freude im Training oder im Wettkampf gesehen?

Nutze deine Möglichkeiten!

Martin

PS: Ich bin übrigens der Meinung, dass mit mentaler Stärke alles ein wenig einfacher geht.

Martin Feigenwinter ist Sport-Mentaltrainer und Olympionike im Eisschnelllaufen und bloggt auf feigenwinter.com und geniesst gerne Martin_Feigenwinter_Eisschnellauf.jpegeinen guten Cappuccino. Er unterstützt Athleten dabei, am Tag X ihr volles Leistungspotenzial abzurufen.

Athleten profitieren von seiner persönlichen Erfahrung aus 15 Jahren Leistungssport und als Sport-Mentaltrainer. Er ist zweifacher Olympiateilnehmer (1994, 1998) und mehrfacher Schweizermeister & -rekordhalter im Eisschnelllaufen. 1998 belegte er bei der Einzelstrecken-Weltmeisterschaft den 7. Rang Signatur_NDM_200über 10.000 Meter. Mit der gelaufenen Zeit schaffte er den Sprung in die Top 10 der Weltrangliste aller Zeiten.

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