Das Ego auf dem Golfplatz

„Jetzt bloß nicht nach rechts“

„Besser ein wenig weiter links zielen. Da rechts ist Aus“

„Schwing langsamer“

„Wenn Du den lochst, liegst Du nur noch 2 über Handicap“

„In der Proberunde habe ich das Grün doch getroffen. Was ist denn jetzt los?“

 „Wenn ich die nächsten 3 Löcher Par spiele, spiele ich unter 80“

„Gut gemacht [Ironie]“

„Loch ihn, dann bist Du 1 unter Par“

„Warum habe ich immer so viel Pech. Der hätte doch genau so gut zwei Meter weiter rechts springen können“

„Warum immer ich“

„Hättest Du mal einen Schläger mehr genommen“

„Oh nein! Immer, wenn Du mit Birdie anfängst, spielst Du die nächsten Löcher schlecht“

„Was sollen meine Mitspieler bloß denken?“

„Hätte ich mal mehr rechts gezielt“

„Hätte ich mich mal besser vorbereitet“

„Warum hast Du nur die ersten 3 Löcher Bogey gespielt?“

„Wofür trainiere ich eigentlich?“

„Sei nicht so ein Angsthase, greif an“

“Vielleicht solltest Du doch vorlegen”

„Vielleicht bricht er doch nicht“ (Putten)

Wer kennt sie nicht, diese Selbstgespräche? Wer spricht da eigentlich mit Euch? Wer stört?
Fred Shoemaker nennt es in seinem Buch Extraordinary Golf „die Stimme in Deinem Kopf“, während Timothy Gallwey in The Inner Game of Golf von „Selbst 1“ schreibt, das versucht, dem „Selbst 2“ zu sagen, was es zu tun hat. Ich würde es gern Ego nennen, weil der Begriff für mich am besten passt. Diesen Begriff habe ich aus den Büchern von Eckhart Tolle übernommen.

Wenn Du einmal genau darauf achtest, was Dein Ego Dir mitteilen will, wird Dir auffallen, dass es sich nahezu ausschließlich mit Vergangenheit und Zukunft auseinandersetzt. „Wenn Du den lochst …“ oder „oh nein! Immer wenn Du mit Birdie anfängst, spielst Du die nächsten Löcher schlecht“ sind zwei Beispiele dafür, wie sich das Ego mit Sachen beschäftigt, die nicht jetzt passieren, sondern in der Zukunft. Dein Ego möchte gerne auf Eventualitäten vorbereitet sein. Da die meisten Aussagen des Egos aber negativ sind, setzt Du Dich zu sehr mit Dingen auseinander, an die Du eigentlich gar nicht denken möchtest.

„Du kannst nicht negativ denken und Positives erwarten“ (Autor unbekannt)

Das bedeutet, dass Dein Ego eine Art Drehbuch für dich erschafft, ohne dass Du es eigentlich möchtest. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Dein Golfspiel den Gedanken des Egos folgen wird und Du nach dem Birdie am ersten Loch, schlechter spielen wirst.

Aussagen wie „hätte ich mich mal besser vorbereitet“ oder „warum hast Du nur die ersten 3 Löcher Bogey gespielt?“ sind Beispiele für das Auseinandersetzen des Egos mit der Vergangenheit. Jeder Golfer hat schon einmal gehört, die letzten Schläge lassen sich eh nicht ändern und trotzdem lenkt das Ego unsere Gedanken sehr häufig auf vergangene Schläge oder verpasste Chancen.

Du magst sagen, dass sich Dein Ego aber öfters mit der Gegenwart beschäftigt als ich es beschreibe. Sätze wie „Jetzt bloß nicht nach rechts“ oder „Schwing langsamer“ sind doch Gedanken über das gegenwärtige Spielgeschehen. Bei genauer Betrachtung fällt aber auf, dass Du durch diese Gedanken gar nicht gegenwärtig bist, denn Dein Ego sieht die Gegenwart meist aus der Sicht der Vergangenheit oder benutzt sie als Vorwand, um die Zukunft zu kontrollieren („Loch ihn! Dann bist Du 1 unter Par“).

Wie schafft man es nun in die Gegenwart zu gelangen bzw. diese Gedanken loszuwerden, also ohne Ego Golf zu spielen?

Die Antwort lautet wachsames Beobachten und Loslassen. Das bedeutet, dass Du genau darauf achtest, was Dein Ego Dir gerade mitteilen möchte. Sobald Du Deine Gedanken nüchtern beobachtest, hast Du die Wahl, sie weiterzudenken oder sie loszulassen. Gefährlich werden negative Gedanken meiner Erfahrung nach, sobald Du sie „fütterst“, also auf sie reagierst. Das passiert immer, wenn Du nicht wachsam genug bist. Das Loslassen ist eine bewusste Entscheidung, den Gedanken nicht mehr zu “füttern”. Ich stelle mir mittlerweile vor, den Gedanken bzw. das Ego durch ein kurzes Öffnen meiner Hand loszulassen. Sobald Du losgelassen hast, hast Du die Wahl, woran Du denken möchtest bzw. worauf Du Dich fokussieren möchtest. Du kannst Dich dann auch entscheiden, zu Deinem ursprünglichen Fokus zurückzukehren. Du hast die Wahl. Du hast Dein Ego überlistet!

Das wachsame Beobachten verlangt zuerst einiges an Konzentration. Aber nach etwas Übung wirst Du immer besser im wachsamen Beobachten und im Loslassen. Das Üben von Beobachten und Loslassen kannst Du in Deiner PreShot-Routine, zwischen den Schlägen und sogar im Alltag abseits des Golfplatzes trainieren.

Viel Spaß beim Austesten!

Euer

Moritz Dickel

PS: Wenn Euch dieses Thema interessiert hat, empfehle ich folgende Links:

Die PreShot Routine – einfach mehr Schläge sparen

Die Zutaten der Schlagroutine [Teil 1] Sag mal, wann und wie geht es eigentlich los.. ?!?

Die Zutaten der Schlagroutine (Teil 2)

Caddie-Talking – Die Kraft der Gespräche mit sich selbst



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