Ich will doch nur spielen…

Dieser Beitrag ist an alle erwachsenen Golfer gerichtet und an alle, die ein Vorbild für junge Golfer sein möchten. Des Weiteren an alle, denen unser Spiel wichtig ist.

Gedankenspiel… Stell Dir vor, dass Du als kleines Kind das erste Mal einen Golfplatz betrittst. Du siehst diese riesige Spielwiese mit dem unterschiedlich hohen Gras, den Sandkästen und den kleinen Seen. Du siehst Erwachsene, die Ihre Spielzeuge mit einem Waagen vor sich herfahren. Du weißt gar nicht, wo Du hingucken sollst. Überall gibt es etwas zu sehen oder zu entdecken. Dort versucht einer, den Ball ins Loch zu schubsen und dahinten will einer ganz weit. Ein anderer schlägt andauernd in den Sand. ‘Der Sand fliegt so schön’ denkst Du Dir und wunderst Dich, warum der Mann so wütend wird. Ganz dahinten sind zwei Frauen und zwei Männer im hohen Gras. ‚Was machen die da?‘ denkst Du Dir bis Dir Ostereiersuchen in den Sinn kommt. Außerdem siehst Du Autos, die an der Seite offen sind. ‚Was ein toller Ort‘ denkst Du Dir. Du möchtest unbedingt mitspielen.

„Komm, wir gehen zur Driving Range. Dann kannst Du es auch mal probieren.“ Voller Vorfreude machst Du Dich mit Deiner Mama auf dem Weg. Dann begegnet ihr einer Frau. Mama fragt sie, wie es gestern gelaufen ist. Sie antwortet: „Meine Abschläge sind so schlecht. Ich brauche dringend wieder Unterricht. Leider nur eine 92.“ Du wunderst Dich über ihre Aussage.

Endlich kannst Du auch mal. Es macht so viel Spaß auf den Ball zu schlagen und jedes Mal, wenn er fliegt, kommt ein riesiger Begeisterungssturm über Dich. Das könntest Du den ganzen Tag machen. Auf einmal hörst Du vor Dir jemanden fluchen „so ein Mist! Ich bin einfach zu blöd, um zweimal hintereinander dasselbe zu machen…“. Und wieder wunderst Du Dich. Du machst weiter während Deine Mama mit diesem Mann zu sprechen beginnt. ‚Irgendwie beschweren die sich nur‘ denkst Du Dir und hörst auf zu schlagen, um noch besser zuzuhören. Beide jammern darüber, dass das Gras an der einen Stelle wieder so hochgewachsen ist und dass sie beide nicht mehr so gut spielen wie früher. Dann reden sie über ihre Schwünge und was mit ihnen nicht stimmt. Dann erzählen beide, dass sie den Kopf nicht unten lassen können. ‚Warum soll man denn den Kopf unten lassen? Ich will doch sehen, wie der fliegt‘ denkst Du Dir. Dann erzählt der Mann Deiner Mama, dass er schon heute Morgen hätte spielen wollen, aber ein Turnier den Platz wieder blockiert. Er wirkt sehr erbost darüber.

Der Mann geht und Du machst weiter. Auf einmal stellt sich jemand vor Dich, der den Ball richtig weit schlägt. Noch viel weiter als die Mama. Du guckst ihm genau zu und versuchst ihm so gut es geht nachzumachen. ‚Das möchte ich auch können‘ denkst Du Dir und bist begeistert über jeden seiner und Deiner Schläge. Aber dann kommt jemand, der Dir sagen will, wie es geht. „Du musst den Arm gerade lassen und immer den Ball angucken. Dann triffst Du immer gleich.“ Der Mann redet immer weiter aber Du hörst ihm gar nicht mehr zu. ‚Ich möchte nicht immer gleich treffen. Ich möchte hoch und flach, lang und kurz oder rechts und links können‘ denkst Du Dir und hoffst, dass er bald fertig ist mit seiner Belehrung. Irgendwann ist er endlich fertig und Du kannst wieder das machen, was Dir Spaß macht.

Dann gehst Du mit Deiner Mutter auf den Platz, aber Du darfst nicht mitspielen. Mama erklärt, dass man erst üben müsse, bevor man mitspielen darf. Enttäuscht läufst Du Deiner Mama hinterher und beobachtest sie und ihre zwei Mitspielerinnen genau. „Ich habe immer Angst vor dem ersten Abschlag“ sagt eine während die andere sagt: „Warum müssen wir immer hinter Anfängern spielen? Das nervt! Die kommen nicht aus dem Quark.“ Auf der Runde passieren einige unverständlichere Dinge. Mamas Golfbewegung wird immer abgehackter. Es sieht so aus, wie wenn Papa holzhackt. Ihre Bälle kullern nur noch und sie redet kaum noch mit den anderen Damen. Jeder ist mit sich beschäftigt keiner scheint Spaß zu haben. Für Dich gibt es viele schöne Dinge zu sehen. Jede Golfbahn ist anders. Kurz, lang, gerade, mit Kurve, mit vielen und mit wenigen Hindernissen. Keine gleicht der anderen. Du lernst, dass die Sandkästen Bunker heißen und dass man sie harken muss. Du hast Spaß daran, die Bunker zu harken und die Fahnen zu schwenken. Außerdem macht es Dir Spaß, die Schläge von Deiner Mama zu zählen.

Nach der neunten Bahn seid ihr fertig und Du beobachtest, wie an einer anderen Bahn ältere Kinder und Jugendliche zusammen golfen. Ihre Eltern gucken zu und alle applaudieren als einer der Jungs seinen Ball in das Loch rollt. Auch Du fängst an zu klatschen und fragst Deine Mama, was die Großen da machen. Sie antwortet: „Mein Schatz, die spielen ein Turnier und der Junge mit dem blauen Shirt hat gerade gewonnen.“ Du sagst zu Deiner Mama: „Ich will auch mal ein Turnier gewinnen und mit anderen Kindern spielen.“

Voller Vorfreude auf Deine nächsten Golferlebnisse gehst Du mit Deiner Mama und ihren Mitspielerinnen in das Clubhaus. Ihr geht an einem Büro vorbei. Dort diskutieren ganz viele Eltern über die Ergebnisse und Golfregeln. Sie sind echt böse aufeinander. Du bekommst ein ganz komisches Gefühl im Bauch als ein Vater anfängt mit tiefer und lauter Stimme zu sprechen. Du fragst: „Mama, warum ist der Mann so böse?“ Sie antwortet: „Bestimmt hat sich jemand nicht gut verhalten auf dem Platz oder die Regeln nicht eingehalten.“ Du verstehst das Ganze nicht und fragst Dich, warum die Eltern so böse sind. Die Kinder haben ja schließlich nur gespielt.

Später freundest Du Dich mit einem Jungen an, der mit seinen Eltern da ist. Ihr geht mit Puttern bewaffnet auf das Übungsgrün. Ihr schiebt die Bälle hin und her bis ihr auf die Idee kommt, sie gegenseitig hin und her zu passen. Während ihr das mit voller Freude tut hört ihr zwei ältere Damen miteinander reden: „Schonwieder so kleine Kinder hier. Ich muss mir doch schon immer das Geschrei vom Kindergarten bei mir in der Straße anhören“ sagt die eine während die andere lauter wird uns ermahnt, dass wir nicht so laut sein und vernünftig spielen sollen. Ansonsten müssen wir gehen. Wir wissen leider nicht, wie wir dann spielen sollen und gehen deshalb wieder zu unseren Eltern.

Vielen Dank, dass Du Dich auf dieses kleine Gedankenspiel eingelassen hast. Du hast gerade die Kultur der Golfer aus der Sicht eines Kindes betrachtet und konntest dadurch vielleicht den einen oder anderen Irrsinn erkennen. Da jeder Mensch das Bedürfnis nach Zusammenhalt hat, wird sich ein Kind an diese Golfkultur anpassen, sofern es „mitspielen“ möchte. Aber was leben wir den Kindern vor? Was gucken sie sich von unserer Kultur ab?

Kritik an unserer Golfkultur

Viele Golfer sind frustriert mit ihrem Spiel. Sie spüren, dass sie besser sein könnten. Ihre Haltung lässt sich am besten mit „Ich will aber sofort besser sein“ beschreiben (produktorientiert, resultatorientiert). Sie gehen davon aus, dass sie erst dann Spaß haben werden, wenn sie ein gewisses Level erreicht haben. Sie denken, dass sie endlich glücklich mit ihrem Golf werden, wenn sie es besser können. Aber genau diese produktorientierte Haltung macht es schwierig, besser zu werden.

Man hat ein Bild davon, wie gut man eigentlich sein sollte. Jeder Schlag wird mit diesem Bild verglichen. Das erzeugt Frust bei jedem Schlag, der diesem Bild nicht entspricht. Daraus folgt eine zwanghafte Beurteilung jedes Schlagresultats und Angst vor Fehlern.

Wir alle müssten lernen, prozessorientierter zu denken und zu handeln. Dabei waren wir mal wahre Meister darin. Wenn man jüngere Kinder beobachtet, sieht man, wie sehr sich diese im Jetzt verlieren und Spaß am Prozess haben. Das bedeutet nicht, dass wir keine Ziele verfolgen sollten. Ganz im Gegenteil. Ziele helfen dabei, den bevorstehenden Weg nicht aus den Augen zu verlieren.

Viele Golfer suchen nach Konstanz. Sie suchen nach dem einen Tipp, damit sie wieder „funktionieren“. Als ob sie eine Maschine sind, die repariert werden muss. Sie versuchen zu funktionieren wie eine Maschine. Kreativität und Spielwitz gehen uns verloren. Dabei sollten wir einfach wieder anfangen, zu SPIELEN!

VIDEO: Rettet das Spiel – Gerald Hüther

Ich glaube, dass der Schlüssel zu einem besseren und erfüllterem Golfspiel und einer gesünderen Golfkultur darin liegt, sich selbst als jemanden zu verstehen, der wirklich SPIELT. Als jemanden der nicht funktionieren muss, wenn er spielt. Als jemanden, der Freude an Prozessen hat. Als jemanden, der weiß, dass Niederlagen genauso zum Spiel dazugehören wie Siege. Als jemanden, der Resultate nicht über das Wohlergehen anderer stellt. Als jemanden, der über sich selbst lacht. Als jemanden, der im gegenwärtig Augenblick lebt, und nicht in Vergangenheit oder Zukunft flieht. Als jemand, der von jedem etwas lernen kann. Als jemanden, der keinen belehrt oder bewertet. Als jemanden, der seine Spielpartner achtet. Als jemanden, der einen fairen Wettkampf sucht. Als jemanden, der sich für andere freuen kann.  Als jemanden, der mit Jung und Alt SPIELEN möchte.  Als jemanden, der mit Anfängern und Profis SPIELEN möchte. Als jemanden, der weiß, dass er sich jederzeit ändern kann. Als jemanden, der sich als fähig erachtet. Als jemanden, der sich gestattet groß zu träumen. Als jemanden, der sein geliebtes SPIEL einfach nur freudvoll SPIELEN möchte.

… und so werden wir zu wahren Vorbildern für unsere Kids!

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