Bernhard Langer und die 1985 Masters

In diesem Jahr ist vieles anders als sonst. Am 12. April 2020 hätten wir alle gern den Finaltag des Masters live im TV verfolgt. Aufgrund von Corona wurde die Masters leider verschoben und findet nun im November statt. Sky hatte aber eine tolle Idee für alle Fans… An dem gesamten Sonntag wurden vergangenen Finalrunden gezeigt. Das Comeback von Tiger in 2019, der historische Sieg von Jack Nicklaus im Jahr 1986, Tigers erster Majortitel im Jahr 1997 und die zwei Masterssiege von Bernhard Langer 1985 und 1993. Ganz besonders war, dass Bernhard Langer live dazu geschaltet wurde, um die Turniere von 85 und 93 zu kommentieren. Besonders spannend waren die Hintergrundgeschichten sowie Erzählungen über andere Spieler. Eine Geschichte beschäftigte mich sehr und darum soll es in diesem Beitrag gehen.

Bernhard Langer wurde vom Moderator nach seiner ersten Begegnung mit Jack Nicklaus gefragt. Er erzählte von einem Show-Match, das damals im Münchener Golfclub stattfand. Langer spielte als Auszubildender zum Golflehrer mit zwei Deutschen Top-Amateueren und Jack Nicklaus im Flight. Nach der Runde wurde Nicklaus gebeten, zu erzählen, was er vom Spiel seiner Deutschen Mitspieler halte. Er lobte den Schwung und die Technik der beiden Amateuere. Zu Langer sate er: „Er spielt mit sehr viel Herz.

Golf mit Herz (und Verstand)

Aber was bedeutet das? Ist ‚mit Herz spielen‘ ein möglicher Schlüssel zu seinem enormen Erfolg? Mir kamen sofort zwei Spielerinnen aus meinem Club in den Sinn, die mit Herz zu spielen scheinen. Aber genau definieren, was das bedeutet, konnte ich nicht. Mir kam auch sofort der Gedanke „mit Herz spiele ich eher selten“. Ich konnte mich aber sehr bewusst an ein Erlebnis erinnern, wo ich mal mit Herz gespielt habe. Das Konzept ‚mit dem Herz zu spielen‘ beschäftigte mich. Nach etwas Überlegung hielt ich für mich fest, dass ‚mit Herz spielen‘ folgendes bedeutet:

Ein Golfer speilt mit Herz, wenn er / sie bei einem Schlag folgende Emotionen spürt:

  • Freude
  • Inspiration
  • Mut
  • Entschlossenheit
  • Präsenz
  • Selbstsicherheit

oder wenn von außen folgendes zu beobachten ist:

  • Leidenschaft
  • Spaß und Freude
  • Hingabe zum Spiel
  • starker Wille
  • Begeisterung
  • Liebe zum Spiel
  • Verspieltheit

Mit der Niere spielen…

Sind wir voller Freude, Mut oder Liebe spüren wir das in unserem Herzen. In unserem Herzen fühlen wir alle höheren bzw. kreative Emotionen. Auf dem Golfplatz haben wir das bestimmt das eine oder andere Mal bereits erlebt. Aber meiner Erfahrung nach überwiegen Emotionen wie Zweifel, Angst, Ärger, Traurigkeit, Scham oder Unsicherheit. Für das Erleben dieser begrenzenden Emotionen fallen uns wahrscheinlich sofort Beispiele von unseren letzten Runden ein. Diese Emotionen spüren wir meist eher in unserer Bauchregion.

Ein ganz anderer und besonderer Weg…

Beobachten wir kleine Kinder (auf dem Golfplatz) stellen wir fest, dass sie die Fähigkeit haben, sich auch ohne ersichtlichen Grund freuen zu können. Die zwei Spielerinnen, die ich bereits erwähn habe, scheinen diese Fähigkeit in gewisser Hinsicht beibehalten zu haben. Sie scheinen meist unabhängig von den vergangenen Schlägen mit Herz zu spielen. Das ist in unserer heutigen Golfwelt noch die Ausnahme. Natürlich gelingt es den beschriebenen Spielerinnen und wahrscheinlich auch Bernhard Langer nicht immer. Spielen mit Herz beobachtet man auch häufig in Teamevents. Da dort für etwas Größeres als der Einzelne selbst gespielt wird, scheinen Spieler über sich hinaus zu wachsen. Das können wir beim Solheim Cup, Ryder Cup oder der Deutschen Golfliga immer wieder beobachten. Leidenschaft und Hingabe werden geweckt.

Der normale Golfer kann sich nur glücklich oder voller Freude aufgrund eines Resultates (gelungener Drive, gutes Ergebnis) fühlen. Ein ganz anderer und besonderer Weg wäre es, sich bereits vor dem Schlag und unabhängig von alten Schlägen bereits voller Freude, mutig, entschlossen, dankbar, etc. zu fühlen. Lassen wir die Emotion bereits vor dem Geschehen aufsteigen – „von der Niere zum Herzen“ – glaubt der Körper, der Schlag sei bereits gelungen oder es passiert im gegenwärtigen Moment. Dadurch verankern wir uns nicht mehr in vergangenen und schlechten Schlägen. Wir helfen dem Körper, sich an zukünftige gelungene Schläge zu erinnern. Stellen wir uns einmal vor, was dann möglich werden kann…

Spielen mit Herz – Anleitung

Es geht also darum, vor dem Schlag eine höhere Emotion zu erzeugen. Und zwar unabhängig von den vergangenen Schlägen und Ergebnissen. Vor dem Schlag muss unsere Aufmerksamkiet bewusst auf unser Herz gerichtet werden. Dann erzeugen wir die Emotion, die wir haben wollen. Das ist am Anfang natürlich nicht so einfach und es bedarf an Übung. Am besten übt man dies zunächst auf der Driving Range, dem Puttinggrün oder Zuhause.

Meine Erfahrungen damit waren bisher enorm. Zunächst war es sehr schwierig, sich ohne Grund mutig oder voller Freude zu fühlen. Manchmal dauerte es länger und manchmal ging es wiederum sehr schnell. Was mich am meisten verblüffte, war meine Reaktion auf schlechte Schläge. Ich fühlte mich trotzdem gut und ich fühlte eine mir unbekannte Art von Akzeptanz. Die äußere Welt (schlechter Schlag) hatte nicht mehr die Macht über meine innere Welt (Gefühle, Wohlbefinden) wie bisher. Mein Gefühl war, dass ich viel freier schwingen konnte und dadurch gute Resultate erzeugen konnte. Waren die letzten Schläge eher schlecht oder die aktuelle Situation fordert uns sehr (z.B. ein unbeliebter Abschlag), ist die Herausforderung, die Emotion zu erzeugen, natürlich größer. Wachsen wir in diesem Moment aber über uns hinaus und erzeugen die höhere Emotion trotz der schwierigen äußeren Situation, ist das ein großer Erfolg. Nun wird es beim nächsten Mal einfacher. Üben wir uns darin und vermitteln diese Fähigkeit unseren golfspielenden Kindern und Jugendlichen, können wir dies auch in unserem alltäglichen Leben anwenden. Wir spielen nicht nur mit Herz, sondern leben dann auch mit Herz. Stellen wir uns mal vor, was passiert, wenn mehr und mehr Menschen sich häufiger mit ihrem Herz entscheiden und bewusst Dankbarkeit, Liebe, Freude, Vertrauen etc. wählen.

Euer

Moritz Dickel

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